Raum.
Für Architekten.

Neubau AEB Headquarters Stuttgart (2017)

Foto: Roland Halbe

New Work aus Sicht des Architekten und aus Sicht des Raumplaners. Ein Doppelinterview mit dem Reutlinger Architekten Wolfgang Riehle und Walter Meinlschmidt

Walter Meinlschmidt

Unternehmer und Kunstliebhaber

CEO der Meinlschmidt Unternehmensgruppe

Nach dem Studium der Verkehrsbetriebswirtschaft in Bremen und einigen Jahren im Ausland in einer Führungsposition bei einem Schweizer Logistikunternehmen stieg Walter Meinlschmidt nach einem weiteren, verkürzten Studium in der Einrichtungsbranche, in das elterliche Büromöbelunternehmen ein.     

Dies baute er in den vergangenen 30 Jahren zu einem der 
führenden Raumplanungs- und Objektausstattungsunternehmen im Südwesten aus.

Foto: Jörg Bluhm

Wolfgang Riehle

Diplomingenieur, Freier Architekt BDA und Freier Stadtplaner

ist heute Geschäftsführer der Domino Holding GmbH + Co. KG 
mit den Tochterfirmen:

/    Riehle + Assoziierte GmbH + Co. KG Architekten und Generalplaner

/    campus GmbH, Bauten für Bildung und Sport

/    Atrium Projektmanagement GmbH

/    Reik Ingenieurgesellschaft mbH

/    citiplan GmbH, Stadtplanung 

Er war langjähriger Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg und Vorstandsmitglied der Bundes­architektenkammer. Seit 2014 ist er Ehrenpräsident der 
Architektenkammer Baden-Württemberg. Zudem ist er Vorsitzender des Kunstvereins Reutlingen und Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Foto: Ralph Koch

/ Herr Riehle, alle reden über New Work. Welchen Einfluss hat dieses Thema auf die Arbeit des Architekten ganz konkret?

„Wer sich mit Bürobauten beschäftigt, sieht sich mit dieser spannenden Thematik permanent konfrontiert – beim Bauen im Bestand noch mehr als beim Neubau. Der Architekt beschäftigt sich umfassend mit den Anforderungen an das neue Arbeiten – von der Beratung bis zur Umsetzung.“

/ Wie wird New Work heute im Architekturbüro selbst gelebt, was hat sich hier in den letzten Jahren in der Arbeitsweise und -kultur verändert?

„Die Tätigkeiten in einem Archi­tekturbüro sind, wie die meisten anderen Bürotätigkeiten auch, sehr komplex und haben ganz unterschiedliche Anforderungen. Zum Beispiel beim Brainstorming im Team, beim kontemplativen Rückzug, bei konzentrierten Besprechungen ohne Störung und nicht zuletzt bei der informellen Kommunikation und dem kollegialen und kreativen Austausch untereinander. Früher hatte man sich den räumlichen Gegebenheiten anzupassen, heute reagiert man mit geeigneten Räumlichkeiten auf die unterschiedlichen Aufgaben und deren individuelle Bedürfnisse. Hier ist eine hohe Flexibilität gefragt, denn Teilzeitarbeit und Home-Office gehören heute ebenso zum Alltag im Architekturbüro, wie Sport oder Outdoor-Einsätze rund um die Projekte.“

/ Wenn heute neue Büro- oder Verwaltungsgebäude gebaut werden, wie sieht die Zusammenarbeit mit Raumkonzept-Spezialisten wie Meinlschmidt bzw. Office Vision optimalerweise aus?

„Die Zusammenarbeit sollte idealerweise bereits vor dem Entwerfen beginnen – mit Nutzerbefragungen und Workshops zur Konkretisierung der jeweiligen Anforderungen an die künftigen Arbeitswelten. Denn Veränderung wird von den Betroffenen in der Regel als Bedrohung empfunden und löst oft Ängste aus. Besichtigungen unterschiedlicher realisierter Bürokonzepte sind unerlässlich, da den künftigen Nutzern häufig auch einfach die Vorstellungskraft fehlt. Architekten sind in der Regel froh, wenn Raumkonzept-Spezialisten die Analysen und die Bedarfsermittlung übernehmen, denn wir brauchen konkrete Vorgaben.“

/ Flächenökonomie versus optimale Arbeitsbedingungen – wo liegen hier die Grenzen und wie weit wirkt sich dieses Thema auf die Arbeit des Architekten aus?

„Dieses Thema ist beispielsweise im Verwaltungsbau omnipräsent, denn die differenzierten Arbeitsplätze müssen sinnvoll und bezahlbar bleiben – nicht zuletzt im Unterhalt. Die Grenzen liegen regelmäßig bei der Verdichtung – zu viel Nähe ist kontraproduktiv – und beim Schallschutz, denn gerade offene Raumkonzepte verlangen eine bestmögliche Absorption über möglichst viele Oberflächen. Hier ist die Ex­pertise von Architekten besonders gefragt.“

/ Welche Fehler sollten Bauherren bei der Auswahl bzw. in der Koordination des Zusammenspiels von Architekt und Raumplaner niemals machen?

„Sie konkurrierend einzusetzen. Denn optimieren beim Planen und Bauen funktioniert nur über die interdisziplinäre Abstimmung und ein ganzheitliches Denken aller Beteiligten. Ein synergetisches Miteinander ist hier ebenso unerlässlich wie die faire Honorierung der Leistungen auf beiden Seiten.“

/ Sie haben vor ein paar Monaten das Bundesverdienstkreuz erhalten. Auf welche Leistungen in Ihrem beruflichen Leben sind Sie besonders stolz?

„Dass es uns gelungen ist, junge Menschen für Führungsaufgaben in unserem großen Büro zu motivieren und ihnen früh die Verantwortung zu übertragen – mittlerweile in der dritten Generation. So fiel es mir leicht, operativ loszulassen. Das “Kreuz“ wurde mir allerdings aus anderen Gründen verliehen – ich habe mich sehr darüber gefreut.“

/ Ihr Architekturbüro hat in den letzten Jahrzehnten unzählige Büro- und Verwaltungsgebäude geplant und realisiert – welche Bauwerke sind Ihnen aus architektonischer Sicht besonders in Erinnerung?

„Es sind tatsächlich die zahlreichen Rathäuser, die wir in den letzten Jahrzehnten geplant und umgesetzt haben. Diese spiegeln neben ihren repräsentativen Aufgaben und bürgerfreundlichen Dienstleistungen an zentralen Standorten das Selbst­verständnis von Kommunen wider.“

/ Wie würden Sie ihr heutiges privates Büro und Arbeiten beschreiben?

„Wenn ich nicht in Preisgerichten oder Gestaltungsbeiräten sitze, Moderationen übernehme, Vorträge halte oder in ehrenamtlichen Aktivitäten unterwegs bin, arbeite ich jetzt am liebsten zu Hause und im Dialog mit unserem Garten. Im Dominohaus bin ich nur noch sporadisch, obwohl man mir großzügig beste räumliche Bedingungen zugestanden hat.“

/ Wie sieht die Büro- und Arbeitswelt Ihrer Meinung nach in zehn Jahren aus – wie und wo arbeiten wir, mit welchen Vor- und Nachteilen?

„Home-Office und digitale Vernetzung werden zweifellos ein zunehmendes Thema sein – nicht zuletzt, weil unser fantastischer Beruf längst von Kolleginnen noch stärker nach­gefragt wird als von Kollegen. Die gemeinsame Arbeitsplattform im Büro ist allerdings auch künftig zumindest temporär unerlässlich: Planen und Bauen für Menschen heißt gemein­sames Ringen um die beste Lösung, mit offenem Visier.“

/ Was wollten Sie Walter Meinlschmidt schon immer mal sagen?

„Sein Engagement für die Kunst deckt sich mit meinen Leiden­schaften und freut mich sehr! Kunst und Architektur sind kongeniale Partner.“

Neubau Neubebauung Pfennig-Areal GWG Reutlingen (2017)

Der 7-geschossige Turm ist stadtbildprägender Teil eines differenzierten Bürokomplexes in zentraler Lage. Bei den vielfältigen Angeboten an unterschiedlichen und überwiegend offenen Büroraumkonzepten wurde im Besonderen Wert auf bestmögliche Schallabsorption gelegt. 


Foto: Andreas Keller

Neubau Verwaltungsgebäude D 15 Hugo Boss (2013) 

Der Skelettbau ermöglicht Einzel-, Gruppen und Großraumbüros mit größtmöglicher Stützenfreiheit, durch eine weitgespannte Stahl­verbundkonstruktion, um ein begrüntes Atrium ohne Innenfassaden.


Foto: Andreas Keller

/ Herr Meinlschmidt, welche Rolle spielt die äußere Architektur für die Raumplanung im Inneren?

„Die äußere Architektur spiegelt idealerweise die Seele des Bauherrn und die gesamte Kultur eines Unternehmens wider. Wir versuchen beides auch bei der Planung im Inneren aufzugreifen und von innen nach außen zu planen, so dass letztendlich das Innenleben mit der äußeren Hülle im harmonischen Einklang steht.“

/ Was hat sich durch die neuen Anforderungen an Flächenökonomie für Sie verändert – in wie weit trägt der Hochbauarchitekt diesen im Vorfeld bereits Rechnung?

„Unser hauseigener Innenarchitekt analysiert im Vorfeld gemeinsam mit dem Hochbauarchitekt und Bauherrn die geplante Fläche ganz exakt. Oft kommt es vor, dass bestimmte Bereiche des Unternehmens unterschiedlich bewertet werden und es gilt, die erforderlichen Raumstrukturen im Vorfeld exakt abzugleichen. Hier arbeiten wir bereits sehr eng mit den Architekten zusammen und wünschen uns das für die Zukunft noch verstärkt. Nur so kann ein Gebäude architektonisch und funktional zu einer homogenen Einheit wachsen. Wir Raumplaner stellen dabei ein wichtiges Glied in der Kette dar.“

/ Welchen Unterschied macht es für Sie, ob ein Gebäude von Anfang an als New Work Location konzipiert oder erst später umgewidmet wurde?

„Wenn ein Gebäude offene Strukturen hat, ist die Umwidmung in einen Open Work Space überhaupt kein Problem. Wenn es aber, wie in den 60er Jahren häufig gebaut, über viele kleine Bürozellen verfügt, muss man natürlich mehr Geld für den Umbau in die Hand nehmen und mit einer längeren Umbauzeit rechnen. Generell ist technisch und planerisch heute alles möglich, es kommt lediglich auf das Aufwand-/Nutzenverhältnis für den Auftraggeber an und wieviel ihm der Umbau in eine New Work Location im Endeffekt wert ist.“

/ Wenn wir schon über Kostendruck beim Bauen sprechen – welchen An- ­teil bekommen Sie als Objektausstatter als letztes Glied in der Kette ab?

„Wir wünschen uns natürlich, dass bei einem anspruchsvollen Bau am Ende noch genügend Mittel für eine adäquate, funktionale Büroausstattung vorhanden sind und letztenEndes nicht am falschen Platz ge­spart werden muss. Das kommt auch nicht mehr so oft vor, wie in der Vergangenheit, da wir mittlerweile bereits früh in die Projekte und damit auch in die Budgetierung eingeschaltet werden. So kommt es am Schluss nicht mehr zu bösen Überraschungen und ungeplanten Budgeteinsparungen bei der Ausstattung.“

/ Wenn Sie Ihr eigenes Bürogebäude neu bauen müssten, wie sähe das aus?

„Generell sind wir ganz zufrieden mit unserem Headquarter im Hauptwasen in Balingen. Wenn ich aber heute nochmals bauen würde, hätten wir sicher von Anfang an mehr Medientechnik mit eingeplant und würden gut und gerne auf so manchen überflüssigen Stauraum verzichten. Aber letztendlich sind wir sehr zufrieden, wie wir es geplant haben, weil es auch in vielen Jahren in eine andere Nutzung übergehen könnte.“


/ Welchen Architekturstil bevorzugen Sie privat?

„Ich bin absoluter Fan des Bauhaus- Stils und liebe cleane Interieurs. Zum Glück lassen sich die zeitlosen Bauhausmöbel auch gut mit runden Elementen wie z. B. Sitzgruppen kombinieren und in eine gute Balance bringen, die dennoch Spannung erzeugt.“

/ Und wie sieht ihr eigenes Chefbüro derzeit aus?

„Ich mag es generell hell und aufgeräumt und arbeite seit nunmehr zwei Jahren an einem höhenverstellbaren Tisch, meist im Stehen. Für längere Telefonate oder das Lesen längerer Dokumente benutze ich einen be­-quemen Hocker. Den klassischen Schreibtischstuhl habe ich für mich persönlich abgeschafft. Auch wenn ich hier natürlich direkt an der Quelle sitze (lacht)…“

/ Welchen Fehler sollten Auftrag­geber bei der Auswahl von Architekt und Raumplaner niemals machen?

„Das ist eine schwierige Frage. Wichtig ist, dass man sich mit allen rechtzeitig zusammensetzt und schaut, ob die Wellenlänge stimmt. Schließlich gibt es bei einem größeren Projekt im Laufe der Bauzeit zahlreiche Meetings und Abstimmungen und da ist es von Vorteil, wenn die Chemie zwischen allen Beteiligten von Anfang an stimmt. Nur wenn man gemeinsam die Kultur des Unternehmens versteht, kann man gute Ideen entwickeln und diese können dann in die Arbeit von Architekten und Innenarchitekten einfließen und sich im Gesamtergebnis widerspiegeln.“

/ Was haben Sie an der Zusammen­arbeit mit Wolfgang Riehle am meisten geschätzt?

„Das Büro Riehle & Assoziierte ist einer der Vorreiter in Baden-Württemberg, was die Gestaltung auch im Innenbereich eines modernen Büro- oder Verwaltungsgebäudes angeht. Die Architekten dort sind für uns gleichwertige Sparringspartner, die auch unser Metier, die Büroplanung, gut verstehen und setzen zudem immer spannende Projekte um.“